Dann wird es hier zur Todesfalle

Am frühen Freitagmorgen des 15.09.2017 ist die Seewasserleitung westlich der Turnhalle Freiestrasse geborsten. Drei Häuser sind stark betroffen. "Wir hatten grosses Glück", sagt Karl Spiess von der Regio Energie Amriswil.



Bericht Thurgauer Zeitung | Manuel Nagel


Als Saadet Klein um zehn nach sieben ihre Tochter in die Schule verabschiedet, ist alles noch normal an der Rütistrasse 26a. Doch keine fünf Minuten später läutet ihr Nachbar Sturm. Unmittelbar vor dem Hauseingang spritzt Wasser in riesigen Mengen aus dem Boden: 300 Liter pro Sekunde seien es gewesen, sagt hinterher Karl Spiess, Geschäftsführer der Regio Energie Amriswil.

 
Saadet Klein ruft den Notruf und fordert Hilfe an – und kassiert zuerst mal einen Rüffel, sie solle sich beruhigen und nicht so schreien. "Ich musste so laut sprechen, denn ich stand am Fenster, und der Lärm war ohrenbetäubend", sagt Saadet Klein. Kurz nach der Alarmierung bietet ihr ein anderer Nachbarn an, sie solle ihm doch die Autoschlüssel geben, damit er auch ihr Auto aus der Tiefgarage fahren könne.

Gegenstände sind ersetzbar, Menschenleben nicht
Eine verständliche Reaktion sei das, findet Feuerwehrkommandant Andreas Bösch, doch er rät eindringlich davon ab, in so Fällen noch Sachen retten zu wollen. Kurz nach halb acht war Bösch bereits vor Ort, und da stand das Kellergeschoss schon mannshoch im Wasser. "Für manche schaut es so aus, als würden wir nicht sofort loslegen", sagt Bösch. Doch einerseits sei bei Hochwasser der Schaden bereits da, andererseits müsse er zuerst auch sicherstellen, dass kein Strom im Wasser ist. "Die Sicherheit der Bewohner und meiner Leute hat absolute Priorität."


Wie gefährlich unüberlegte Rettungsaktionen sein können, zeigt der Feuerwehrkommandant anhand des unterirdischen Eingangs zur Tiefgarage. Die Türe, die sich gegen das Wasser geöffnet hätte, hielt dem enormen Druck nicht stand und wurde quer durch die Garage katapultiert. "Wenn zu diesem Zeitpunkt jemand sein Auto hätte retten wollen und von Teilen der Türe getroffen worden wäre, derjenige wäre tot", sagt Bösch. Gegenstände seien ersetzbar, Menschenleben jedoch nicht. Sei jemand im Keller und es dringe Wasser ein, dann werde es zur Todesfalle. Deshalb mussten auch sämtliche Bewohner das Mehrfamilienhaus verlassen, und die Feuerwehr stellte sicher, dass niemand mehr im Keller oder in der Garage ist, um etwas zu holen.


Die Regio Energie Amriswil (REA) wurde von ihrem System alarmiert, dass die Seewasserleitung einen starken Druckabfall habe und Unmengen von Wasser verbraucht würden. Obwohl die REA den entsprechenden Abschnitt sofort abgestellt hatte, flossen weiterhin grosse Wassermassen aus dem Erdreich. "Wir hatten grosses Glück", sagt Karl Spiess, "dass das nicht mitten in der Nacht geschehen ist." Dann wäre es viel schwieriger geworden, den Rohrbruch zu lokalisieren.


Nun analysieren Spezialisten das Wasserrohr mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern und wie es repariert werden muss. REA-Mitarbeiter Daniel Bill dokumentiert derweil die Schäden in der Tiefgarage und in den Kellern. Bei Saadet Klein ist nichts mehr zu retten. Ihr Kellerabteil stand bis zur Decke unter Wasser. Das meiste lasse sich ersetzen, nicht jedoch ihre Fotoalben. Dieser Verlust schmerzt am meisten.